Pršambel der Hauptdirektive

Gene Roddenberry, Erfinder der "Star Trek"-Serie, hat in seinem Lebenswerk nicht nur eine unterhaltsame virtuelle Welt erschaffen, sondern damit auch die Sehnsucht der heutigen Menschen nach einer zukünftigen Welt gewürdigt, die den Begriff "Zivilisation" auch wirklich verdient.

Allein schon die Existenz seiner Utopie hat das Bewußtsein von Millionen Menschen geprägt und damit bereits die gegenwärtige Welt beeinflußt, hat die Chance, eines Tages einen zivilisierten Umgang aller intelligenten Lebewesen miteinander auch in der realen Welt zustande zu bringen, ein klein wenig verbessert.

Der wesentliche Inhalt seiner Philosophie war die Toleranz gegenüber dem Fremden und damit die Erhaltung der Vielfalt des Lebens, sowie die Zusammenarbeit unterschiedlicher Lebensformen die zu diesem Zwecke jedoch nichts von ihren Unterschieden aufgeben müssen.

Diese Philosophie spiegelte sich gleichermaßen in seinen erdachten Figuren und Geschichten wieder, wie auch in seinem realen, gelebten Verhalten.

Die virtuelle Seite

Die "Hauptdirektive" seiner Utopie stellte die Nichteinmischung in die Entwicklung anderer Lebensformen an die oberste Stelle. "Junge, unerfahrene Zivilisationen" sollten nicht an einer als allgemeingültig angenommenen "guten" Föderation lernen, wie sie ihr Leben zu gestalten hatten, sondern sollten unbeeinflußt eigene Formen des Zusammenlebens erproben dürfen. Die als "die guten" angesehenen Föderationskräfte stellten sich eben NICHT über andere Zivilisationen - mochten diese auch noch so "primitiv" erscheinen.

Dieselbe Philosophie spiegelte sich sogar in der inneren Struktur der Föderation selbst wieder. Allein der Name "Föderation" spricht schon für sich selbst, im Gegensatz etwa zum klingonischen "Imperium". Eine Föderation ist ja per Definition schon der "Verbund weitestgehend selbständig bleibender Einzelstaaten", wobei die Regierungsform die Roddenberry wählte noch weit über das föderale Prinzip seines real erlebten Staates, der USA hinausging. Auch hier spiegelt sich die Wertschätzung einer größtmöglichen Vielfalt wieder. Die Vulkanier etwa unterscheiden sich in so vielen Punkten von den Menschen, daß eine vollständige Aufzählung der Unterschiede allein schon diesen Text sprengen würde. Dennoch bilden sie mit den Menschen und anderen Zivilisationen zusammen gemeinsam "die Föderation". Nicht im Traum wird jemals als erstrebenswertes Ziel angenommen, die Lebensform der Vulkanier und die der Menschen zusammenzu- führen. Ziel bleibt es vielmehr, das Weiterbestehen dieser Unterschiede zu ermöglichen.

Eine weitergehende Toleranz als die, die das Star Trek-Universum darstellt, kann also kaum denkbar sein.

Die reale Seite

Doch was wäre die schönste Philosophie, wenn sie nicht auch real gelebt würde? So hat Roddenberry nicht nur in abstrakten Begriffen von "edlen Zielen" gesprochen, wie es beispielsweise in den USA so beliebt ist mit dem Ausdruck "Freedom", der dort zwar allenthalben angebetet wird, doch allzuoft eine leere Phrase bleibt.

Nein, Roddenberry hatte stets auch ganz konkrete Umsetzungen seiner Philosophie im Auge: Schon von Anfang an, im allerersten Pilotfilm, wurde der wichtigste Mannschaftsposten, "der" erste Offizier von einer Frau besetzt - undenkbar für die damalige Zeit. So mußte er denn auch gleich in der Serie diese bahnbrechende Idee wieder fallenlassen.

Dennoch setzte er durch, daß zumindest die Rolle eines einzelnen Brückenoffiziers weiblich besetzt blieb - Lt. Uhura. Und dies war dann auch noch ausgerechnet eine Farbige! Heutzutage ist das etwas normales - mindestens zu einem kleinen Teil aber wohl auch erst dank Roddenberry. Denn damals war dies noch absolut ungewöhnlich und kein geringerer als Dr. Martin Luther-King, der später erschossene Bürgerrechtler, ermutigte Nichelle Nichols, die Darstellerin der Uhura, unbedingt "auf ihrem Posten" zu bleiben, als diese schon aufhören wollte.

Spätestens hier wird klar, daß die REALE Politik durchaus viel mit der virtuellen Welt zu tun hat, denn Änderungen der Welt beginnen immer zuerst in den Köpfen! Doch ließ Roddenberry niemals nach, kaum hatte er eine Farbige als Brückenoffizier durchgesetzt, da brach er auch schon das nächste Tabu: Viele wissen heute nicht mehr, daß Star Trek den ersten Kuß zwischen einem Weißen und einer Farbigen der Fernsehgeschichte zeigte - und zwar zwischen Captain Kirk und Lt. Uhura.

Auch wenn man sich das heute kaum noch vorstellen kann - schon garnicht in deutschen Fan-Kreisen - aber damals ging zunächst ein Sturm der Entrüstung durch die Südstaaten der USA - allenfalls vergleichbar mit der Aufregung die es in Deutschland vor wenigen Jahren gab, als der Bayerische Rundfunk die Ausstrahlung einer Scheibenwischer-Sendung verhinderte wegen eines "strahlenverseuchten Opas".

Doch mit Uhura erschöpft sich die GELEBTE Toleranz Roddenberries noch lange nicht! In der Zeit des kalten Krieges, als in den USA schon wenige kritische Worte genügten um als "Kommunist" gebrandmarkt zu werden, führte Roddenberry ausgerechnet einen russischen Brückenoffizier ein, Chekov. Die Brisanz dieser Besetzung kann man wohl allenfalls noch erahnen bei der kurzen Szene aus Star Trek 4, als Chekov in einer Amerikanischen Stadt ganz naiv einen Polizisten fragt: "Wo bidde gäht es hirrr zu den atomgetrrriebenen Krrriegsschiffen?" (woraufhin er natürlich sofort verhaftet wird)

Es ließe sich noch viel sagen über den asiaten Sulu und andere "Ausländer", fest steht, daß Fremdenfeindlichkeit keinen Platz hatte im Star Trek Universum. Natürlich auch nicht gegenüber den - erfundenen - Außerirdischen.

Nachdem Roddenberry schon keine Frau als ersten Offizier durchsetzen konnte, hielt er dann umso eiserner an dem Außerirdischen "Spock" fest. Wer kann heute noch ermessen, wieviele ECHTE Querelen mit den Produzenten ihm die Ideen zu den ERFUNDENEN Geschichten lieferten. Fest steht immerhin, daß die Produzenten auch gegen Spock als Außerirdischen große Vorurteile hatten - und daß in einer der ersten Folgen dann auch prompte ein bornierter Brückenoffizier auftauchte, der auch im Film Spock als Verräter vorverurteilte. Bis er schließlich von Spocks aufopferndem Einsatz bei der Verteidigung gegen die erstmals aufgetauchten "Romulaner" eines besseren belehrt wurde.

Die Moral: "NUR" weil Spock den bösen Romulanern ähnlich sah, konnte man noch lange nicht auf seine Loyalität schließen. Wie so oft hatte die Folge eine Moral zum Inhalt, die eben nicht nur in einer erdachten Welt lehrreich war, sondern die das Mittel der Verfremdung im SF nutzte, um realen Menschen die Augen zu öffnen für Zusammenhänge, die sich im realen Leben so vielleicht nicht richtig sehen konnten, weil Vorurteile den Blick verstellten.

Star Trek war - dank Roddenberry - eine zutiefst lehrreiche Erfahrung. Und wer hätte je auf so kurzweilige Weise etwas in der Schule lernen können?

Doch leider starb Roddenberry viel zu früh und gar mancher sieht die Befürchtung bestätigt, daß nun bei den Nachfolgern ein zu starker Gegenwind weht, daß die Fackel der Freiheit und der wahren Toleranz nicht weitergetragen werden könnte und in Gefahr ist, zu verlöschen. Nicht zuletzt die bekannten Abmahnungen von Viacom gegenüber Star Trek Fan-Seiten sprechen eine eigene Sprache, die hier aber nicht weiter untersucht werden soll.